Prof. Dr. Helmut Juros (Warschau)
Festrede auf Prof. DDr. Józef Życiński, Erzbischof von Lublin.
Eine Lobrede im Rahmen der Festakademie Brücken zur deutsch-polnischen Freundschaft als Baustein der Einheit anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft im katholischen Studentenverein Markomannia im KV zu Münster und der Überreichung der Georg-von-Hertling-Medaille des Kartellverbandes katholischer deutscher Studentenvereine (KV) im Festsaal des historischen Rathauses der Stadt Münster am 5 Mai 2007.
Zuerst möchte ich mich für die Einladung nach Münster herzlich bedanken, dafür, dass ich hier sprechen und mich wirklich von Herzen darüber freuen darf. Ich spreche in Münster zum dritten Mal im Abstand von mehreren Jahren (1985 – 1991 – 2007).
In diesem Jahr habe ich die Ehre, im Auftrag des katholischen Studentenvereins Markomannia und des Kartellverbandes katholischer deutscher Studentenvereine (KV) im Festsaal des historischen Rathauses der Stadt Münster eine Festrede auf Józef Mirosław Życiński zu halten. Zum Glück habe ich keine akademische Vorlesung zu halten, bei der ich mich kurz fassen müsste. Trotzdem will ich dem klugen Ratschlag von Mark Twain folgen, der sagt: „Eine gute Rede hat einen guten Anfang und ein gutes Ende und beide sollen möglichst dicht beieinander liegen“. Meine Festrede soll frei sein von Floskeln und dem Pathos vieler feierlicher Reden, dennoch beschwingt und getragen von festfreudiger Erregung und Hochachtung angesichts der illustren Gäste.
Exzellenzen,
Hochwürdiger Herr Bischof Dr. Reinhart Lettmann,
Sehr verehrte Frau Bürgermeisterin Karin Reismann,
Sehr verehrter Herr Stadtpräsident Adam Wasilewski,
Herr Dr. Bernhard Egen,
Herr Domkapitular und Bischöflicher Offizial Msgr. Martin Hülskamp,
Sehr geehrte Gäste, meine Damen und Herren,
- und nicht zuletzt -
Herr Erzbischof Józef Życiński, lieber Kollege.
Sie, Herr Erzbischof Życiński, sind für mich eine besondere Herausforderung. Diese beginnt für mich als Lobredner, den die deutschen Gastgeber aus Warschau eingeladen haben, der also aus einem traditionsbewussten Land kommt und auf seinen Landsmann eine Laudatio halten muss, schon damit, die richtige Anrede zu wählen.
Es ist in einer Lobrede unerlässlich, die Kunst des Aufrundens zu kennen und die prunkvollste Anredeform zu wählen und sich dabei im Labyrinth der Titel des hier Geehrten zurechtzufinden. Man muss wissen, dass einige der Titel, von denen er als Würdenträger im Laufe eines an Graden, Nominierungen und Ehrungen reichen Lebens eine ganze Schatztruhe voll angehäuft hat, eine dauernde Gültigkeit besitzen. Józef Życiński ist nicht nur lebenslang Bischof (obwohl er nur zeitbedingt das Amt eines Metropoliten und Ortsbischofs inne hat), sondern auch – nach polnischem Gesetz –lebenslang Inhaber von akademischen Promotions- und Habilitationsgraden, sowie des Titels eines ordentlichen Universitätsprofessors. Allerdings hier werde ich in Münster die Komplexität seiner Biographie im Stichwort und in der Anrede „Herr Erzbischof“ festhalten.
Wer ist Józef Życiński eigentlich, der heute Nachmittag ausgezeichnet wird? Ich will auf diese Frage eine Antwort geben.
Das Leben von Erzbischof Życiński erscheint wie eine Folge mehrerer Generationen und Stationen. Er ist 1948 in Nowa Wieś bei Piotrków Trybunalski geboren, wurde 1972 zum Priester für die Diözese Tschenstochau geweiht und achtzehn Jahre später (1990) zum Bischof von Tarnów in Südpolen ernannt. Sieben Jahre danach wurde er Erzbischof von Lublin.
Diese Karriere im kirchlichen Dienst hat Józef Życiński mit ununterbrochener wissenschaftlicher Arbeit verbunden. Nach dem philosophisch-theologischen Grundstudium wurde er im Alter von 27 Jahren (1976) an der Theologischen Fakultät in Krakau in Theologie promoviert; vier Jahre später – nach einem weiteren Studien im In- und Ausland, legte er eine Promotion in Philosophie an der Philosophischen Fakultät der Akademie für Katholische Theologie in Warschau (1980) hin, folgte dann einem Ruf nach Krakau und wurde dort zum Professor an der Päpstlichen Theologischen Akademie ernannt, wo er bis heute in regelmäßigen Abständen doziert.
Seit er vor zehn Jahren Erzbischof von Lublin wurde, die Diözese leitet und gestaltet, ist er - weniger qua Amt denn als Beauftragter des Papstes - sowohl Großkanzler der Katholischen Lubliner Universität (KUL), als auch Professor ihrer Philosophischen Fakultät. Mit seinen neuen Denkanstößen und faktisch erhobenen Kohabitationsansprüchen hat er bereits die traditionsreiche und heute teilweise altgewohnte wissenschaftliche Arbeit an der KUL belebt. Erzbischof Życiński hat mittlerweile Gastvorlesungen u.a. in Berkeley und Oxford, an den Katholischen Universitäten in Washington und Sydney gehalten, und vice versa – regelmäßig Gastprofessoren aus dem Ausland nach Lublin geholt. Er ist Doktor honoris causa der Jagiellonen-Universität in Krakau und der Lubliner Landwirtschaftsuniversität (Akademie); er ist Mitglied der Akademien der Wissenschaften (bzw. deren Komitees) in Warschau und Wien, sowie der Russischen Akademie der Biowissenschaften.
Meine Damen und Herren!
Gewürdigt werden sollen heute Leistungen von Erzbischof Życiński, die sein Ansehen in der Öffentlichkeit gefördert haben. Was auch immer in der Begründung stehen mag, gibt die Auszeichnung von heute Anlass von dem vielseitigen Professor und Bischof, von dem profiliertesten Intellektuellen im polnischen Episkopat zu reden.
Professor Życiński ist keinesfalls ein Schöngeist. Als Wissenschaftsphilosoph hat er zahlreiche Bücher und Beiträge in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Slowakisch und Ungarisch veröffentlicht. Eine Besprechung seiner Publikationen wäre ein Thema für sich und würde den Rahmen dieser Veranstaltung sprengen. Doch einiges werde ich über seine Schriften sagen müssen.
Erzbischof Życiński ist tief verankert in der Orts- und Weltkirche. Seine pastorale und kirchenpolitische Wirkung geht weit über die Diözese hinaus. Er ist (bzw. war) u.a. Mitglied der Bildungskongregation und des Päpstlichen Rates für Kultur; der Gemeinsamen Arbeitsgruppe der Katholischen Kirche und des Weltkirchenrates (bis 2005); der Glaubenskommission der Polnischen Bischofskonferenz; Vorsitzender des Rates des Laienapostolats im Polnischen Episkopat; Mitglied der Gemeinsamen Kommission des Episkopats und der Regierung der Republik Polen.
Einem breiten polnischen Publikum ist er nicht nur als brillanter Prediger, sondern vor allem als Publizist und Essayist bekannt. Gern gelesen ist er als Autor von Kurztexten in der Krakauer Wochenzeitung Tygodnik Powszechny, der Warschauer Tageszeitungen Rzeczpospolita und Gazeta Wyborcza. In den Texten schneidet er die Themen scharf zu, greift mit Schärfe und Brillanz aktuelle Probleme auf, ohne sie in der Betrachtungsweise zu entsystematisieren bzw. zu „enttotalisieren“, gerade wenn er sich mit weltanschaulichen und ethischen Fragen auseinandersetzt, mit Wertfragen, die heute in den europäischen Gesellschaften und in der europaweiten Politik zu Ausdruck kommen. Philosophisches und theologisches Begreifen ist sein Prinzip und Ziel. Die Texte bieten eine Flut von Gedanken und sind so eine Quelle der Kraft und Stütze für viele geistig Haltlosen, die auf der Sandbank der Zeit nach festem Halt suchen.
Er tritt auf der Agora, dem „öffentlichen Marktplatz“ der heutigen Meinungsvielfalt, auf den modernen Areopagen der medialen Öffentlichkeit und öffentlichen Debatten auf, um der Auflösung idealer Prinzipien, Grundwerte und absoluter Normen entgegenzutreten. Vor allem ist er ein großer unbequemer Fragesteller, der sich selbst erst in zweiter Linie als zukünftiger Antwortgeber auf die denkerischen, gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen empfiehlt. Es kommt ihm darauf an, seine Leser und Gesprächspartner auf der Basis des Vertrauens zum Nachdenken zu bringen. Sogar für die polnischen Linksliberalen (u.a. für Adam Michnik) ist Erzbischof Życiński eine große intellektuelle und moralische Autorität, ein großes Symbol für die Verbindung von philosophischer Weisheit und christlichem Mut zum Risiko und zum öffentlichen Bekenntnis. Herausragend ist sein unglaublich sicherer Blick aus der Distanz für moralische Qualität und argumentative Schärfe im öffentlichen Diskurs.
Es macht seine Stärke aus, dass er als Philosophieprofessor nie im akademischen Elfenbeinturm dachte. So wie er einst für eine genaue Kenntnis des Marxismus und Kommunismus plädiert hat, so hat seine Bindung an und nachhaltige Prägung durch die analytische Philosophie dafür gesorgt, dass er immer wieder versuchte, mit Präzision, Strenge und Schärfe auf die Kernfragen zu antworten, die die moderne Gesellschaft und in besonderer Weise die Kirche herausfordern. Erzbischof Życiński weiß um seine Talente und wir Katholiken in Polen brauchen seine Gaben, den Mut in der Kirche zu fördern und dem christlichen Wahrheitszeugnis alles zuzutrauen. Seine große Stärke ist die Fähigkeit, argumentativ zu überzeugen, anspornend zuzustimmen, sanft zu widersprechen und Notwendiges diplomatisch auszusprechen.
Die persönlichen Gespräche mit Erzbischof Życiński, so wie seine Teilnahme in den öffentlichen Debatten, zeugen von der Tiefe und Weite seines Denkens. Er versucht ständig die aktuellen Probleme und Herausforderungen analytisch aufzusprengen und zugleich kritisch auf die anthropologisch-ethische Mitte hin zu ordnen. Nie hat er dabei seine starke Überzeugungen und exakten Denkrichtungen verschwiegen. Als entschiedener Verfechter intellektueller und moralischer Redlichkeit legt er großen Wert darauf, die diskutierten Sachverhalte im Spannungsfeld von christlichen Glauben, wissenschaftlicher Rationalität und politischem Öffentlichkeitsdiskurs zu klären.
Allerdings hat er dabei weder die wissenschaftliche Stringenz und die ethischen Prinzipien als Blockade gegenüber den Denkansätzen der modernen Welt betrachtet, noch die Grundsätze des christlichen Glaubens als Ausrede benutzt. Im Gegenteil, gerade aus diesem Blickwinkel zeigt er besonderes Interesse für die Frage nach der Bedeutung der Religion für die Gesellschaft und den Staat. Darum steht sein Anliegen und Einsatz im pastoralen Dienst unter dem Leitmotiv, den Glauben und die Moral des einzelnen Christen mit dem Sozialen und Politischen in Einklang zu bringen, in der Hoffnung, dass die Gesellschaft und der Staat den inneren Zusammenhalt künftig nicht verlieren. Theoretisch sieht er keinen Widerspruch zwischen Politik und Werten in der Demokratie. Dennoch konnte er manchen politischen Entwicklungen und fragwürdigen Kompromissen nicht zustimmen. Ein gewisser Ton der Enttäuschung ist auch bei ihm in der Wendezeit nicht zu überhören, gerade dann, wenn er sich als Vertreter der Kirche ganz für die Unabhängigkeit von Staat und Kirche einsetzt und sich dennoch eindeutig zu politischen Entwicklungen äußert.
Kurzum: Sein Lebenswerk bietet ein Panorama aller großen gesellschaftlichen, akademischen und kirchenpolitischen Fragen, die in den dunklen Zeiten der kommunistischen Diktatur in Mittel- und Osteuropa für uns wichtig waren und die paradoxerweise weiterhin mutatis mutandis im Aufbauprozess des demokratischen Rechtsstaates und im europäischen Integrationsprozess relevant geblieben sind. Diese Themen blieben seine Leidenschaft, stets eingebettet in die religiöse, geistige und kulturelle Situation der Zeit.
Meine Damen und Herren!
Aus solchem Holz ist Erzbischof Życiński geschnitzt. Meine Festrede ist also vom Zwang befreit, ihren Gegenstand erst erfinden zu müssen. Das bereits Gesagte sollte Aufschluss darüber geben, wie ich die Errungenschaften von Erzbischof Życiński begreife; sollte einen eindrücklichen Nachhall bieten und von seiner Persönlichkeit und seiner Wirkung zeugen. Nachfolgend seien, so hoffe ich zumindest, in wenigen Überlegungen noch weitere Motive und Gründe für seine Ehrung thesenhaft ausgeleuchtet und daraus Ansätze einer Rechtfertigung abgeleitet. Das Bild das ich bisher von Erzbischof Życiński gezeichnet habe, sollte nicht zu akademisch sein, wie bei einer Ehrenpromotion, sondern anschaulich darstellen, dass er der heute verliehenen Auszeichnung würdig ist.
Diese signalisiert eine deutliche Entscheidung sowohl für die Wahrnehmung seiner Stimme aus dem Osten Europas, die dem westlichen Europa etwas zu sagen hat, als auch für die Wahrnehmung seines Aufrufes zu mehr Solidarität in einem Europa. Dies ist ein guter Ausgangspunkt, um sich der Frage nach der Bedeutung der Auszeichnung am heutigen Tag zu nähern.
Aus polnischer und überhaupt östlicher Perspektive hätte der Festakt für Erzbischof Życiński keinen besseren Hintergrund und aktuelleren Zusammenhang haben können, als die heutige Veranstaltung. Es gibt besondere Gründe, seinen Tag gerade jetzt und hier in Münster mitzufeiern. Der Name Życiński steht für ein langjähriges Programm von Aktivitäten der Städtepartnerschaft zwischen Münster und Lublin, die zugleich Partnerschaft der beiden - deutschen und polnischen - Ortskirchen ist. Als Ikone der Partnerschaft und Solidaritätsaktion mit Polen und Osteuropa überhaupt gilt für die beiden Kirchen pars pro toto die bundesweite Renovabis-Pfingstaktion.
Die 15. Pfingstaktion von Renovabis wird morgen von Ihnen, Herr Bischof Lettmann, unter dem Leitwort Einander Halt sein – Ehe und Familie im Osten Europas stärken im Paulus-Dom zu Münster eröffnet. Zur Renovabis-Pfingskollekte 2007 haben die deutschen Bischöfe aufgerufen. Sie appellieren an die Verbundenheit der deutschen Katholiken mit der Kirche in Osteuropa, um dort im diesen Jahr die Ehen und Familien, insbesondere die jungen Paare zu unterstützen; ihnen zu helfen, „in einer stabilen und dauerhaften Partnerschaft zu leben und Kinder zu bekommen“.
Die Inauguration der Renovabis-Pfingstwoche ist keine kirchliche Kulisse und Dekoration für den Festakt im Rathaus. Im Hinblick auf die großzügige Hilfsbereitschaft der deutschen Katholiken, geht es uns hier darum, den Sinn und die Bedeutung der Verleihung der Auszeichnung für Erzbischof Życiński aus christlicher Sicht zu begründen. Er ist kein Politiker, sondern zuallererst Bischof. Er betreibt keinen Versöhnungskitsch zwischen Deutschen und Polen – eine der Wirklichkeit nicht entsprechende Scheinkunst mancher Politiker – sondern setzt sich stattdessen im Kleinen und Großen konkret und wirksam dafür ein, die Vorhänge in den Herzen der Menschen zu überwindem, nachdem die Zwänge der Teilung Europas weggefallen sind (wie es einmal der Wiener Kardinal Schönborn ausgedrückt hat).
So ehrt der Katholische Studentenverein mit dieser Auszeichnung einen Bischof, der bis jetzt und weiterhin vernehmbar seine Stimme zur Verständigung zwischen den Völkern und Generationen erhebt, und die Kraft hat, eine friedliche Zusammenarbeit zu organisieren. In diesem Zusammenhang ist auch die Städtepartnerschaft zwischen Münster und Lublin hervorzuheben.
Die Städte Münster und Lublin sind in ihrer partnerschaftlichen Beziehung ein besonderes Symbol des Dialogs und der Kooperation zwischen den Menschen. Beide Städte haben eine lange, teils glorreiche, teils auch leidvolle Geschichte hinter sich und trotzdem eine wunderbare Tradition des friedlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Nationalität und Konfession ausgebildet. Die Einwohner beider Städte, die Christen – Katholiken und Protestanten– legten gemeinsam mit den Juden sowohl im Münsterland als auch im fernen Lubliner Land bereits über Jahrhunderte die geistigen Fundamente des Kontinents und bauten kontinuierlich die Einheit Europas. Sie alle sind heute mit Herz und Seele als überzeugte Europäer die politische Kraft, die ein „Europa – nicht ohne seine Bürger“ fordert, das demokratischer und solidarischer wird. Die Städtepartnerschaft Münster – Lublin ist ein gutes Beispiel für die Mitsprache der europäischen Bürger, die mit ihren zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Forderungen mehr Subsidiarität und Solidarität von der Europapolitik verlangen. Somit betrifft der nächste Punkt, auf den ich nun kurz zu sprechen kommen möchte, das Verhältnis von Deutschland und Polen.
In diesem Zusammenhang ist die ehrenvolle Auszeichnung durch die Markomannia besonders dankenswert, da sie ihr Augenmerk auf die deutsch-polnischen Beziehungen richtet, die sich heute in mancher Hinsicht schwerer behaupten, als z.B. die deutsch-französischen. Über dieses Thema wurde in der letzten Zeit mehr als je zuvor debattiert. Doch bei allen politischen Aufregungen sind die Menschen immer mehr aus dem Blick geraten. Die offiziellen Beziehungen auf der politischen Ebene entwickeln sich kaum noch weiter, vielmehr werden sie aufgeweicht und gleichzeitig verschärft. Sie drehen sich im Kreise. Alte Mythen und Vorurteile werden wieder ausgegraben, man bedient sich billiger Erwartungen und Klischees, obwohl sich die öffentlichen Einstellungen der Gesellschaft inzwischen grundlegend verändert haben und neue Möglichkeiten und Freiheiten unserer Völker gewachsen sind.
In dieser Situation ist es symptomatisch und wichtig, dass wir als Christen aufs Neue aufgefordert sind, Vordenker und Bannbrecher und nicht Skeptiker und Bremser auf dem Gebiet der Verständigung zwischen den Menschen zu sein. Das heißt: Wir dürfen uns als Kirche und als Interessengruppe der Zivilgesellschaft nicht aus der politischen Zankerei verdrossen heraushalten, sondern es ist unsere Aufgabe, darüber konstruktiv nachzudenken und uns weiter aktiv für das friedliche Zusammenleben einzusetzen. Das nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der Aufnahme Polens in die Europäische Gemeinschaft weit geöffnete Terrain einer Kooperation darf man nicht allein den Politikern überlassen. Es ist erforderlich, neue Beziehungen zu kultivieren, wie dies in vorbildlicher Weise im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Münster und Lublin geschehen ist und weiterhin geschieht. Vielfältiges offizielles und ehrenamtliches Engagement trägt heute – wie in der Vergangenheit – zum Aufbau von wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und karitativen Netzwerke bei. So wird Europa als Wertegemeinschaft gestärkt.
Hieran wird deutlich, dass die Aussöhnung zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk ein Faktum ist und zugleich eine Aufgabe bleibt. Die Verständigung und Versöhnung hat stattgefunden und ist gelungen auf einer religiös-ethischen und politischen Grundlage. Die Glaubenskraft und die moralische Überzeugung der Menschen – der Bischöfe, aber auch vieler Laienchristen in Deutschland und Polen - sowie die klug angewandten politischen Mittel haben das möglich gemacht.
Trotzdem, oder besser gesagt, gerade deshalb mischt sich die Kirche aufs Neue in den gegenwärtigen Vergangenheitsstreit ein. Für sie ist das kein polemischer Streit nach dem Motto: „Vergangenheit soll Vergangenheit bleiben!“ Ihre religiöse und ethische Option für die Gegenwart der Vergangenheit und die Zukunft der Geschichte verbindet sie mit der Herausforderung und dem Anspruch, sich selbst in die Pflicht zu nehmen. Sie will dazu beitragen, die Schatten der Vergangenheit zu überwinden und ihren Dienst an Dialog, Geschwisterlichkeit und Versöhnung sowie an anderen grundlegenden Werten unserer Kultur als einen entscheidenden Beitrag zum europäischen Einigungsprozess leisten. Damit will sie Verantwortung für die Zukunft der europäischen Völkergemeinschaft übernehmen.
Die Kirche in beiden Ländern hat heute die Hoffnung, dass der Weg zu einem mit sich versöhnten Europa unumkehrbar ist. Dieser Festakt für Erzbischof Życiński und die Eröffnung der Pfingstwoche von Renovabis wurzeln in der Überzeugung, dass sich jedes Land, jede Ortskirche im Westen und Osten Europas in die Pflicht nehmen muss, um ihren Dienst der Verständigung über die Grenzen der Völker hinaus zu konkretisieren, und zwar in Begegnungen, Partnerschaften und Kooperationen auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Bereichen.
Zum Schluss erlauben Sie mir, meine Damen und Herren, noch ein Wort zu sagen, das mein Herz bewegt und von Herzen kommt.
Über Sie, Herr Erzbischof zu sprechen, das ist, als spräche man über einen Freund, worüber man sich immer freut. In dieser Stunde, in der Sie in Wirklichkeit auch uns ehren, freue ich mich ganz besonders, persönlich ein Wort der Hochachtung und Glückwünsche an Sie zu richten. Es macht Freude, einen bedeutenden Mann zu Lebzeiten geehrt zu sehen. Schön, wenn man dabei sein darf und sich mit Gratulationen anschließen kann.
Sehr geehrter Herr Erzbischof Życiński, lieber Kollege!
Wir wollen Ihnen sagen: Gut das es Sie gibt! Wir wünschen Ihnen alles Gute, Gottes Segen für die Zukunft! Sie sollen noch lang den Vorzug eines christlichen Zeugen der kulturellen Umbrüche und Aufbrüche in der Welt und der Kirche erfahren. Mögen Sie immer wieder „die Zeichen der Hoffnung entdecken“ (so der deutsche Titel Ihres Buches) für die Menschen damit sie „an der eigenen Identität“ nicht zweifeln müssen, gerade im heutigen Europa, das leider –wie Benedikt XVI. sagt – „öfter zu bestreiten scheint, dass es universale und absolute Werte gibt“ und eine „einzigartige Form der ´Apostasie´ von sich selbst“ annimmt, „noch bevor sie Apostasie von Gott ist“. (Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses, der von der ComECE veranstaltet wurde; L´O.R.,dt. Nr.14 vom 6. April 2007).
Soweit sei genug gesagt. Es scheint, es wurde alles Wesentliche gesagt, aber nicht von allen. Deshalb gebe ich das Wort weiter.
Meine Damen und Herren, Ihnen allen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.
(opuszczone fragmenty):
Erzbischof Życiński ist – wie ihm die öffentliche Meinung der polnischen Gesellschaft bescheinigt – ein meisterhafter Mittler zwischen Religion bzw. Kirche und Gesellschaft. Unbeirrt und unverdrossen kämpft er einerseits für die Religionsfreiheit in der Öffentlichkeit und fordert andererseits von den polnischen Gläubigen mehr Mündigkeit und Selbstverantwortung. Mit anderen Worten, anstatt das eigene Christsein der Polen zu nationalisieren, sind sie vielmehr berufen, ihr nationales Bewusstsein zu christianisieren.
Seine Ausblicke vermitteln den polnischen Christen einen erkenntnistheoretischen Optimismus und zugleich eine praxistaugliche Bereitschaft zum Handeln in Gesellschaft und Kirche. Viele Menschen können von seinen Einsichten und Sichtweisen lernen. Seine Absicht ist, wie ich das sehe, unter den Katholiken spirituelle Kräfte zu sammeln und sozialethische Haltungen und Kompetenzen zu schärfen. Gerade heute wäre für ihn eine bloße Warnung vor dem Kulturumbruch in der judeo-christlichen Tradition Europas und vor einem Verrat der christlichen Werte in unseren Gesellschaften ungenügend.
Wir brauchen heute einen solch uneigennützigen Beteiligten, wie Erzbischof Życiński, im gesellschaftlichen und kirchlichen Leben. Er kann so vom Christsein her sprechen, dass wir begreifen: das geht uns an, wir sind gemeint. Als bedeutender Mittler zwischen den Ländern weist er, über nationale und kultur-historische Aspekte hinaus und trägt so dazu bei, dass das von uns gelebte Christsein in eine kosmische Beziehung des Menschen zum Himmel und zur Erde eingeschrieben wird und dennoch konkret bleibt.